Es gab eine Zeit, da konnte Dominic seinen eigenen Namen nicht mehr tragen. Nicht, weil er ihn nicht mochte – sondern weil er sich selbst in dieser Phase kaum ertragen konnte.
Zuhause war es schwer. Viel Druck. Viel innere Unruhe. Viel Wut auf Menschen.
Und aus dieser Mischung heraus entstand eine neue Welt auf Facebook. Ein neuer Name. Eine neue Figur: Kasper Javaanse von Jongens.
Dieser Name war kein alberner Scherz. Er war Schutz.
Hinter diesem Namen steckte ein Mensch, der eigentlich nur eines wollte: Spaß haben. Leicht sein. Nicht mehr so viel Hass fühlen.
Diese Online-Welt war eine Flucht – aber auch eine Rettung. Dort konnte Dominic neu beginnen. Ohne alte Erwartungen. Ohne alte Konflikte.
Doch während diese digitale Identität wuchs, spielte sich im echten Leben etwas Entscheidendes ab.
Klaus.
Klaus war nicht einfach nur ein Bekannter. Er war jemand, der in einer schweren Zeit einen Platz gab. Einen Raum. Eine offene Tür.
Als zuhause vieles schwierig war, bedeutete dieser Platz Sicherheit. Kein großes Drama – einfach da sein dürfen.
2017 kam der nächste große Schritt: Der Einzug ins Wohnheim im Mai.
Es war ein Wendepunkt.
Relativ schnell nach dem Einzug ging es Dominic spürbar besser. Mehr Stabilität. Mehr Struktur. Weniger innere Zerrissenheit.
Und dann kam die Nachricht, die alles veränderte.
Klaus war nicht mehr erreichbar. Anrufe blieben unbeantwortet. Bis schließlich seine Mutter die Wahrheit sagte.
Ein Verlust. Still. Endgültig.
Doch statt zurückzufallen, geschah etwas anderes.
Dominic begann sich langsam von der Figur „Kasper Javaanse von Jongens" zu lösen. Nicht weil sie falsch war – sondern weil sie ihren Zweck erfüllt hatte.
Sie hatte ihn durch eine dunkle Phase getragen. Jetzt brauchte er sie nicht mehr.
Als er den Namen auflöste, gingen einige Menschen. Ohne Erklärung. Ohne Gespräch.
Das tat weh.
Aber es zeigte auch etwas: Manche waren an der Rolle interessiert. Nicht am echten Menschen.
Und hier beginnt die eigentliche Entwicklung.
Im Wohnheim lernte Dominic, Menschen neu zu sehen. Nicht als Bedrohung. Nicht als Gegner. Sondern als Mitmenschen.
Er sagt heute selbst: Er hatte früher Hass in sich. Und er will das nie wieder.
Dankbarkeit.
Wenn er an Klaus denkt, dann nicht mit Bitterkeit. Sondern mit Wärme.
Abends spricht er manchmal noch mit ihm. Nicht aus Verzweiflung. Sondern aus Verbundenheit.
Und vielleicht zeigt sich der größte Wandel darin, dass Dominic heute wieder lachen kann – mit Menschen wie Jutta.
Blödsinn machen. Vertrauen spüren. Nähe zulassen.
Der Weg führte von einer digitalen Schutzfigur über einen echten Verlust zu einer stabilen neuen Identität.
Heute ist Dominic nicht mehr der Mann, der sich hinter einem Fantasienamen verstecken muss.
Er ist jemand, der seinen echten Namen wieder tragen kann.
Mit Orange. Mit Humor. Mit Dankbarkeit. 🧡